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Ju-52: ein Oldtimer aus den 1930er Jahren

Ein Oldtimer wie die Ju-52 hat keine Blackbox an Bord wie etwa ein moderner Airliner. Deshalb sind die Behörden vor allem auf die Untersuchung des Wracks und der drei Motoren sowie auf mögliche Augenzeugen des Absturzes angewiesen

Der Oldtimer mit dem Kennzeichen HB-HOT, eine von drei Maschinen der in Dübendorf stationierten Ju-Air, hätte am Samstag gegen 17 Uhr in Dübendorf landen sollen. Die Maschine war vermutlich auf dem Rückflug von einem zweitägigen Ausflug nach Locarno. An Bord der Ju-52 waren 20 Personen: 17 Passagiere, 2 Piloten und eine Flugbegleiterin. Das Wrack wurde in rund 2500 Metern Höhe am Piz Segnas in Graubünden entdeckt. Keine der Personen an Bord hat überlebt.

 

Über die Absturzursache kann bis jetzt ebenfalls höchstens spekuliert werden. Grundsätzlich werden die dreimotorigen Ju-52 der Ju-Air nur von sehr erfahrenen Berufspiloten geflogen, fast alle fliegen im Hauptberuf für eine Airline und haben mehrere tausend Flugstunden Erfahrung. Mögliche Ursachen könnten ein technischer Defekt, menschliches Versagen oder ein medizinischer Notfall bei einem der Piloten sein. Auch das Wetter könnte eine Rolle gespielt haben. Zwar war die Sicht in den Alpen zum Unfallzeitpunkt wohl gut, aber die hohen Temperaturen machen auch den Triebwerken zu schaffen, die bei Hitze und mit zunehmender Höhe an Leistung verlieren. Allerdings gilt die Ju-52 als extrem robust, sie kann notfalls selbst nach dem Ausfall von zwei Triebwerken mit einem Motor weiterfliegen, weil sie ursprünglich als einmotorige Version konzipiert wurde. Erst später kamen bei der Entwicklung der Ju-52 aus Leistungsgründen die beiden zusätzlichen Triebwerke in der Fläche dazu.

 

Die in den 1930er Jahren bei Junkers im deutschen Dessau entwickelte Maschine war als Passagierflugzeug und Transporter in Form von mehreren tausend Exemplaren im Einsatz. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie vom spanischen Hersteller Casa weiter in Lizenz gebaut. Heute gibt es weltweit noch etwa sechs oder sieben flugfähige Maschinen dieses Typs.

 

In Europa wird neben den drei Junkers der Ju-Air auch in Deutschland eine Ju-52 der Deutschen-Lufthansa-Berlin-Stiftung für nostalgische Passagierflüge eingesetzt. Diese unterscheidet sich aber von den eidgenössischen Maschinen. So fliegt die deutsche Ju-52 mit einem sogenannten Drei-Mann-Cockpit: Zwischen den beiden Piloten sitzt ein Flugingenieur, der die drei Sternmotoren bedient und regelt. In den eidgenössischen Ju-52 machen das die Piloten selbst. Ausserdem fliegen die Schweizer Ju noch mit den Originaltriebwerken des deutschen Herstellers BMW. Diese werden von einem Spezialbetrieb in genau definierten Abständen mit einer festgelegten Betriebsstundenzahl überholt. Die deutsche Lufthansa-Berlin-Junkers fliegt mit den häufiger vorkommenden und deshalb einfacher zu wartenden US-Sternmotoren des Herstellers Pratt & Whitney.

 

Ein Oldtimer wie die Ju-52 hat keine Blackbox an Bord wie etwa ein moderner Airliner, bei der nach einem Unglücksfall Daten ausgelesen oder Cockpitgespräche abgehört werden könnten. Deshalb ist die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) vor allem auf die Untersuchung des Wracks und der drei Motoren sowie auf mögliche Augenzeugen des Absturzes angewiesen. Bis es aber zu einer Aussage über die mögliche Absturzursache kommt, vergehen oft viele Monate, wenn nicht sogar Jahre.

 

Die Schweizer Fliegerwelt ist durch das Unglück jedenfalls schwer betroffen. Denn in der überschaubaren eidgenössischen Oldtimer-Pilotenszene kennt man sich gut. Zudem war es bereits das zweite Flugunglück an diesem Samstag. Am Vormittag war ein Kleinflugzeug des französischen Herstellers Socata vom Typ TB10, anscheinend eines der Fliegergruppe des Stanser Flugzeugherstellers Pilatus, in Hergiswil abgestürzt. Dabei kamen ein Ehepaar und seine beiden Kinder ums Leben. Aus diesem Grund wurde eine geplante Flugschau am Stanserhorn abgesagt, bei der am Nachmittag mehrere Oldtimer-Flugzeuge an der Aussichtsterrasse des Stanserhorns hätten vorbeiflanieren sollen. Auch bei diesem Event hätte eine Ju-52 der Ju-Air teilnehmen sollen.

 

Mit dem Absturz der Ju-52 ist innerhalb von vier Wochen auch der zweite Unfall mit einem historischen Verkehrsflugzeug passiert: Anfang Juli stürzte eine historische Convair CV-340 mit Baujahr 1954 nach dem Start am südafrikanischen Flugplatz Wonderboom kurz vor einem geplanten Überführungsflug nach Europa ab. Zwei Personen kamen ums Leben. Die Ursache war ein Triebwerksversagen an einem der beiden je 2400 PS starken Sternmotoren der Maschine direkt nach dem Abheben.

 

Quelle: NZZ, 05.08.2018