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Mehr Fluglärm im Dreiländereck

Der Euroairport Basel-Mulhouse-Freiburg erzielte vergangenes Jahr mit 8,6 Millionen Passagieren einen neuen Besucherrekord.

SAINT-LOUIS. Der Euroairport (EAP) Basel-Mulhouse-Freiburg ist ein Erfolgsmodell. So zumindest bewertet EAP-Chef Matthias Suhr die Entwicklung. Tatsächlich verzeichnete der trinationale Flughafen 2018 mit 8,6 Millionen Passagieren abermals einen Rekord (2017: 7,9 Millionen). Die Kehrseite des Wachstums: Auch wenn der Flugverkehr prozentual weniger wächst als das Passagieraufkommen, erregt der Fluglärm nach Jahren relativer Ruhe im trinationalen Ballungsraum Basel wieder die Gemüter. Vor allem die Nachtflüge bieten Reizstoff.

 

 

Als Verkehrsdrehscheibe hat der Euroairport wie viele Flughäfen seit Jahren Aufwind. Getrieben wird das zum einen vom ungebremsten Wachstum der Billigfliegerei, der es gelingt, Tickets für Städteverbindungen zum Teil zu Preisen anzubieten, die selbst der hochsubventionierte öffentliche Nahverkehr für deutlich kürzere Strecken nicht erreicht. Hinzu kommt eine Strategie, die mit dem Frachtverkehr sowie dem Ausbau und der Wartung von Flugzeugen weitere Standbeine hat. Im Frachtbereich verzeichnete der EAP 2018 zwar ein leichtes Minus. Er hat sich aber als Pharmadrehscheibe etabliert und ist zudem zum wichtigsten Schweizer Knotenpunkt für Expressfracht geworden. Dahinter stehen Paketdienste wie DHL oder Fedex und nicht zuletzt der wachsende Online-Handel.

Parallel mit dieser Entwicklung steigen seit Jahren wirtschaftlich erfreuliche Kennwerte wie Passagierzahlen oder die Zahl der Arbeitsplätze: So ist der Flughafen mit mehr als 6000 direkt auf der Plattform angesiedelten Stellen inzwischen einer der größten Arbeitgeber im Südelsass. Allerdings werden auch die Belastungen für Mensch und Umwelt höher. Beim gewerblichen Flugaufkommen verzeichnete der Euroairport 2018 einen Zuwachs von immerhin 4,3 Prozent auf rund 79 000 Starts und Landungen. In der Summe aller Bewegungen, also mit Taxi- und Privatflügen, beträgt das Plus zwar nur noch 1,7 Prozent. Mit insgesamt 97 271 Bewegungen liegt es aber nur noch knapp unter der von den Bürgerinitiativen geforderten Grenze.

Dieser Trend sowie die Verteilung der Flugbewegungen in der Region sorgen inzwischen bei einer vergleichsweise kleinen, aber gut organisierten Gruppe von Anliegern für wachsenden Unmut – zumal immer wieder Spekulationen aufkommen, dass die Schweiz angesichts der nahezu ausgeschöpften Kapazitätsreserven der Flughäfen Zürich und Genf künftiges Wachstum vor allem auf den Euroairport ausrichten könnte – und nicht zuletzt deshalb dessen Bahnanbindung forciert. Eine These, der Suhr am Donnerstag widersprach. "Wir brauchen den Bahnanschluss nicht, um zu wachsen." Der Anschluss bringt laut einer Studie lediglich vier Prozent zusätzliche Passagiere und dient vor allem der besseren Anbindung der Region im Radius von 150 Kilometern. In erster Linie verlagere das Projekt Anfahrtsverkehr auf die Schiene, sagte der Flughafenchef.

Gleichwohl hat auch der Flughafen das Thema Lärm mittlerweile ganz oben auf seine Agenda gesetzt – getrieben nicht zuletzt von fünf Anrainerverbänden und Bürgerinitiativen aus dem Südelsass, Südbaden und der Nordwestschweiz. Trotz zum Teil widerstreitender Interessen hatten sich diese bereits vor einem Jahr auf eine "Trinationale Charta zu Verbesserung des Schutzes der Anrainer am Flughafen" verständigt. Diese fordert ein striktes Nachflugverbot zwischen 23 und 6 Uhr, eine Deckelung der Flugbewegungen bei 100 000 und eine generelle Begrenzung des Fluglärms auf das heutige Niveau. Angesichts des spürbar gestiegenen Flugaufkommens in den Tagesrandzeiten vertritt inzwischen auch der Kanton Basel-Stadt, immerhin einer der Gesellschafter des Flughafens, die Linie, mittelfristig planbare Starts nach 23 Uhr zu untersagen. Auch das Landratsamt Lörrach fordert für die "sensiblen Nachtstunden" mittlerweile eine "merkliche Entlastung", wie es in einem Schreiben von Landrätin Marion Dammann an die Bürgerinitiative südbadischer Flughafenanrainer (BISF) heißt, und solidarisiert sich mit der Forderung, "perspektivisch ein Flugverbot ab 23 Uhr" anzustreben.

Das Flughafenmanagement räumt ebenfalls Handlungsbedarf ein. Die Lärmbelastungen zwischen 23 und 24 Uhr habe deutlich zugenommen, bestätigt EAP-Chef Suhr. Allerdings will er das Handeln auf diese eine Stunde begrenzen. Weitergehende Forderungen gefährdeten das Betriebsmodell des Flughafens. Zudem setze das Management auf eine Strategie, die den volkswirtschaftlichen Nutzen – immerhin steht der EAP nach eigenen Angaben für eine jährliche Wertschöpfung von 1,6 Milliarden Euro – mit dem Lärm- und Umweltschutz ausbalanciere.

Statt nach Süden sollen mehr Starts nach Norden gehen


Neben bilateralen Lösungen mit den Fluggesellschaften gehört dazu das Ziel, die Zahl der Flugbewegungen in der Stunde vor Mitternacht zu stabilisieren und Starts in Richtung Süden, über Basel und sein Schweizer Umland, zu halbieren und nach Norden zu leiten. Ein Vorhaben, das hierzulande indes die Befürchtung weckt, dass Lasten schlicht verschoben werden. Schließlich verläuft einer der wichtigsten Startrouten über das Markgräflerland, wo bei Kandern ein Navigationspunkt ist, über den bereits etwa ein Drittel aller Starts abgewickelt wird. Allerdings sind die Flugzeuge dabei in der Regel schon bis zu 2000 Meter hoch, wenn sie das deutsche Territorium überfliegen.

Darüber hinaus hat der EAP bei den Behörden zusätzliche Eingriffe beantragt. Dazu gehört die Reduktion von Lärm an den Maschinen, aber auch Einschränkungen im Flugverkehr nach 23 Uhr. Ergebnisse seien bis in zwei Jahren zu erwarten, betonte Suhr am Donnerstag. Die Bürgerinitiativen aber sind mit diesem "proaktiven Vorgehen" (Suhr) nicht zufrieden. "Unsere Erwartungen sind nicht verhandelbar", betont der Präsident der elsässischen Initiative Association de Défense des Riverains de l’Aéroport (Adra), Bruno Wollenschneider. Angesichts der vielen offenen Fragen und "ungelöst gebliebenen Probleme" hatten sich Adra und die südbadische Initiative denn auch entschlossen, dem Neujahrsempfang des EAP am Donnerstag fernzubleiben.

 

Quelle: Badische Zeitung, 18.01.2019